Was am Gesang heute noch echt ist

Jeder Ton sitzt. Der Rhythmus passt. Die Stimme klingt groß und mühelos. Hörst du einen perfekt produzierten Song, fragst du dich vielleicht: Können die wirklich alle so gut singen?

Die Antwort steckt oft auch im Tonstudio. Zwischen dem ersten eingesungenen Ton und dem fertigen Song liegen viele Arbeitsschritte. Und selbst bei einem Auftritt ist nicht immer alles, was du hörst, gerade auf der Bühne entstanden. Schauen wir einmal hinter die Kulissen.

Im Studio entsteht die perfekte Version

Ein Song wird häufig mehrmals eingesungen. Danach folgen einzelne Zeilen, schwierige Stellen oder nur zwei Wörter. Wenn der Sänger das Studio verlässt, beginnt für die Tontechnik oft erst die Feinarbeit.

Aus den verschiedenen Aufnahmen werden die besten Stellen ausgewählt und zu einer Gesangsspur zusammengesetzt. Das nennt man Comping. Der fertige Gesang kann dadurch wie ein einziger, makelloser Durchgang klingen, obwohl er aus vielen Aufnahmen besteht.

Ob der Sänger den Song auch am Stück so überzeugend singen kann, lässt sich daraus allein nicht beurteilen.

Ein schiefer Ton lässt sich geradeziehen

Ein Ton ist zu tief? Eine Silbe kommt zu spät? Eine lange Note schwankt stärker als gewünscht? Programme wie Melodyne ermöglichen es, Tonhöhe, zeitliche Position und Lautstärke einzelner Töne zu bearbeiten. Auch das Vibrato lässt sich verändern.

Wie viel korrigiert wird, hängt von der Aufnahme und dem gewünschten Klang ab. Manchmal reichen kleine Eingriffe. Manchmal wird fast jede Note angefasst. Das Ergebnis hörst du; den Weg dorthin meistens nicht.

Eine Stimme kann nach mehreren klingen

Damit der Gesang voller klingt, kann der Sänger dieselbe Passage noch einmal aufnehmen. Diese Dopplung wird zur Hauptstimme gemischt. Dazu können weitere Sänger und zusätzliche Gesangsstimmen kommen.

Solche Stimmen müssen nicht deutlich als Chor auffallen. Leise hinzugemischt, können sie den Klang der Hauptstimme verstärken oder färben. Was du als eine besonders satte Stimme wahrnimmst, kann also aus mehreren Gesangsspuren bestehen.

Zum Schluss formen Effekte den Sound. Ein Equalizer verändert die Klangbalance, Hall schafft Raum und ein Echo wiederholt einzelne Klanganteile. So entsteht die Stimme, die du aus dem fertigen Song kennst.

Im Fernsehen kann der Gesang vom Band kommen

Bei manchen Fernsehauftritten läuft ein Vollplayback: die fertige Aufnahme samt Gesang. Der Künstler bewegt dazu die Lippen. Das nennt man Lip-Sync. Auch sichtbare Instrumente müssen bei einem solchen Auftritt nicht tatsächlich zu hören sein.

Andere Sendungen setzen auf echten Livegesang oder Mischformen. Allein der Anblick eines Mikrofons verrät dir deshalb noch nicht, woher der Gesang kommt.

Musikvideos zeigen eine Inszenierung

Für ein Musikvideo bewegen Sänger ihre Lippen gewöhnlich zur bereits fertigen Aufnahme. So passen Bild und Ton zusammen, auch wenn eine Szene mehrfach gedreht wird.

Das Video zeigt also eine inszenierte Darbietung des Songs. Es dokumentiert normalerweise keine neue Gesangsaufnahme am Drehort.

Auf der Bühne spielen manchmal unsichtbare Musiker mit

Ein großer Streicherklang, viele Chorstimmen und zusätzliche Gitarren sind zu hören. Auf der Bühne stehen aber nur wenige Musiker. Woher kommt der Rest?

Häufig aus sogenannten Backing-Tracks. Das sind vorbereitete Tonspuren, die ein Rechner während des Konzerts abspielt. Sie ergänzen die Musiker auf der Bühne und bringen Teile des Studiosounds in die Show.

Auch Gesang kann darin enthalten sein. Je nach Produktion reicht das von einzelnen Hintergrundstimmen bis zu einer tragenden Hauptgesangsspur. Bei manchen Auftritten singt der Künstler zu einer Aufnahme mit. Wie viel von seiner aktuellen Stimme beim Publikum ankommt, hängt dann von der Mischung ab.

Was im Ohr des Stars läuft

Die kleinen In-Ear-Kopfhörer helfen Musikern, sich auf einer lauten Bühne zu hören. Darüber können sie außerdem Signale bekommen, die das Publikum nicht hört.

Dazu gehören ein Einzählen, ein Referenzton für den Beginn oder ein Click-Track, der das Tempo vorgibt. Eine vorbereitete Gesangsspur kann ebenfalls zur Orientierung dienen. Besonders bei Backing-Tracks hilft ein Click dem Schlagzeuger, mit den zugespielten Spuren im Takt zu bleiben.

In-Ear-Kopfhörer allein sagen allerdings nichts darüber aus, wie gut jemand singt. Entscheidend ist, was darüber zugespielt wird und welche Aufgabe es erfüllt.

Auch ein Livevideo kann nachbearbeitet sein

Bei Konzertmitschnitten lassen sich Gesang, Instrumente und Publikum auf getrennten Spuren aufnehmen. Anschließend kann der Ton im Studio neu gemischt und bearbeitet werden. Unter dem Video hörst du dann die überarbeitete Fassung.

Wenn mehrere Konzerte mit passendem Tempo aufgenommen wurden, können auch Ausschnitte verschiedener Abende kombiniert werden. Ein als „live“ veröffentlichtes Video muss deshalb nicht in jedem Detail den unveränderten Klang dieses einen Auftritts wiedergeben.

Perfekter Sound verändert unsere Erwartungen

Studioarbeit gehört zur Musikproduktion. Sie kann eine starke Darbietung verfeinern und Schwächen kaschieren. Problematisch wird es, wenn wir jede bearbeitete Aufnahme zum Maßstab für eine ungeschönte Stimme machen.

Ein Auftritt mit wenig Begleitung macht oft leichter hörbar, wie jemand phrasiert, Töne gestaltet und einen Text zum Leben bringt. Dabei dürfen kleine Unebenheiten vorkommen. Sie können zu einem lebendigen musikalischen Moment gehören.

Wenn du das nächste Mal denkst: „Warum klinge ich nicht so perfekt?“, denk an die Arbeit hinter der Aufnahme. Du vergleichst deine Stimme womöglich mit vielen Takes, Korrekturen und zusätzlichen Gesangsspuren.

Was berührt dich beim Zuhören mehr: die makellose Oberfläche oder der Ausdruck einer Stimme?